Isabella Hoffmann – September 2021

Woche 1

Meine Ankunft in El Salvador am Samstag, den 28.8., lief reibungsloser als erwartet ab - im Zoll ließ man mich ohne große Fragen mitsamt meiner 120 Zahnbürsten und Zahnpastapackungen, Blutzuckermessgeräten und Medikamenten passieren, und auch die Fahrt vom Flughafen nach El Zapote verlief entspannt. In El Zapote angekommen wurde ich von Sonia und ihrer Familie, bei denen ich die nächsten fünf Wochen verbringen würde, sehr herzlich begrüßt und aufgenommen, und lernte beim Spaziergang durch den Ort auch direkt noch Senora Netti, eine der beiden Krankenschwestern der Unidad, kennen. Abends gab es Pupusas, für mich mit Moras gefüllt - es wurde davor zwar allgemein bedauert, dass ich keinen Käse esse, aber mir haben die Pupusas auch so extrem gut geschmeckt.

der erste Sonnenuntergang in El Zapote
Pupusas

Am nächsten Tag bekam ich ein Fahrrad, welches ich benutzen kann, und ich erkundete dann auch direkt in einer kleinen Tour durch El Zapote all die wichtigen Orte, inklusive der Unidad und der Schule. Den restlichen Tag verbrachte ich damit, nochmal die häufigsten medizinischen Begriffe und einige im Praxisalltag nützliche Phrasen im Spanischen nachzuschlagen.

Fahrradtour durch El Zapote

Am Montag kam ich um 7:30 an der Unidad an, wo auch bereits einige Patienten warteten. Ich lernte Zuleyma, eine der beiden Promotores de Salud, und Lorena kennen; und auch den Doctor, mit dem ich am ersten Tag die Consultas machte. Es kamen einige Kinder zu Kontrolluntersuchungen, einige Erwachsene mit grippalen Symptomen, und auch einige gynäkologische Patientinnen. Es freuten sich alle sehr über die mitgebrachten Medikamente und die Blutzuckergeräte; vor allem das Metformin war eine große Erleichterung, da es wohl auch in der nächsten Zeit noch keine Aussicht auf Metformin für die Unidades de Salud in El Salvador gibt.

Am Dienstag ging ich mit dem Doctor und der Licencada Cruz in die Schule, um die Kinder der 7. Klasse zu untersuchen. Es waren nur wenige Kinder, ca. 10 insgesamt, was aber natürlich auch an dem Wechselunterricht liegt, der Covid-bedingt immer noch stattfindet. Wir befragten sie zu ihren Lebensumständen, ihrem Umfeld, und besprachen z.B. die Menstruation, und andere altersentsprechende Veränderungen. Es war eigentlich alles unauffällig, bis auf einen 13-jährigen Jungen, den wir aufgrund seines starken Übergewichts und der beginnenden Anzeichen für Diabetes baten, am nächsten Tag in die Unidad zu kommen, um seinen Nüchtern-Blutzucker zu kontrollieren. Da ich geplant hatte, Sophies Kariesprojekt an der Schule weiterzuführen, sprach ich auch direkt noch mit der Direktorin, die sehr hilfsbereit war, und direkt Termine für die Unterrichtsstunden hierzu festlegte.

Die nächsten Tage verbrachte ich wieder in der Unidad, in der auch eigentlich alles sehr reibungslos ablief - bis auf den Mittwoch, an dem ein Kind notfallmäßig mit dem Doctor und der Licenciada ins Krankenhaus nach Sonsonate gebracht werden musste. Dies führte zu einem relativ stressigen Tag an der Unidad, da nun nur noch die Doctora, Zuleyma und ich da waren, und die Patienten alle auf einmal kamen - sodass ich dann zwischendurch die kleineren Behandlungen (Verbandswechsel etc.) alleine durchführen musste, bei denen mir aber zum Glück Zuleyma half. Bei der Blutzuckerkontrolle des 13-jährigen Jungen aus der Schule kamen leider, wie befürchtet, zu hohe Werte heraus, sodass wir ihn erst einmal für weitere Tests nach Cara Sucia überwiesen.

Verbandswechsel bei einem Patienten, der sich beim Arbeiten mit einer Machete in die Hand geschnitten hat
eine kurze Pause mit Kaffee und Sra. Nettis selbstgemachtem Kuchen

Alles in allem war meine erste Woche bereits sehr informativ und spannend; einige Probleme sind exakt die gleichen, wie man sie aus Deutschland kennt (Patient:innen, die sich nur an die Farbe ihrer Medikamente erinnern, aber nicht an den Namen - die Doctora überraschte sehr, dass dies ein universales Problem ist, und auch außerhalb von El Salvador vorkommt), andere Probleme sind mir so vorher noch nicht begegnet - beispielsweise kamen heute zwei hochschwangere Frauen in die Klinik, eine in ihrer neunten, die andere (mit 25 Jahren) in ihrer fünften Schwangerschaft, beides Risikoschwangerschaften, und leider beide sehr gefestigt in ihrem Wunsch, zuhause zu entbinden - was für viel Frustration bei der Doctora und der Licencada sorgte, die versuchten, beide Frauen wenigstens zu einem weiteren Ultraschall vor der Geburt zu überreden, zumal bei einer der beiden in ihrem letzten Ultraschall weiterhin eine Beckenendlage vorlag, und sie sich nun kurz vor dem errechneten Geburtstermin befand.

Die Atmosphäre an der Unidad in meiner ersten Woche war sehr freundlich, sowohl der Doctor als auch die Doctora bemühen sich sehr, dass ich viel lerne, und haben mir bereits viel erklärt, gezeigt, und mich auch schon einige Untersuchungen unter Anleitung durchführen lassen (z.B. Zervixabstriche). Mit Zuleyma habe ich auch gelernt, die Tupfer und Wundauflagen aus Gaze-Rollen herzustellen, was ich sehr interessant fand. Auch die anderen Mitarbeiter:innen der Unidad haben mich herzlich aufgenommen, Sra. Netti hat sogar das Rezept für ihre Tarta abgeändert, damit ich sie probieren konnte, und an einem weniger stressigen Nachmittag an der Unidad hat der Doctor mich auch bereits von dort kurz nach Barra de Santiago mitgenommen, um mir den Ort und den Strand zu zeigen.

mit dem Doctor im Boot nach Barra de Santiago
angekommen am Strand von Barra de Santiago

Das Wochenende verbrachte ich mit Sonia und ihrer Familie. Da am Samstag Sonias Partner Geburtstag feierte, und Sonias Schwester samt Familie und zwei neuen Hunden aus San Salvador anreiste, wurden morgens zunächst Tamales vorbereitet, und im Anschluss ausgiebig mit den Hunden gespielt, geschwommen, gegessen, und wir unternahmen alle zusammen einen Ausflug nach Barra de Santiago. Abends aßen wir dann alle gemeinsam die Tamales, die wirklich sehr gut waren, und Geburtstagstorte, bevor Sonias Schwester wieder abreiste.

Sonia und eine Freundin beim Zubereiten der Tamales

Woche 2

Die zweite Woche begann mit weniger guten Nachrichten – der Doctor wurde, aufgrund von Personalmangel in der Unidad in Cara Sucia, auf unbestimmte Zeit dorthin versetzt, und würde erstmal nicht mehr an der Unidad in El Zapote arbeiten. Ansonsten verlief der Tag wie gewohnt – es waren fast nur Kinder da, die zu Kontrolluntersuchungen kamen, daher durfte ich die meisten (unter Aufsicht der Doctora) untersuchen. Dies klappte - je nachdem, wie überzeugt das Kind war, dass ich insgeheim versuchen würde, es zu impfen - mal mehr und mal weniger gut, und mit mehr oder weniger Geschrei. Nachmittags bereitete ich meinen Vortrag für den nächsten Tag vor, da am Morgen bereits meine ersten beiden Besuche in der Schule anstanden.

Dienstags hatte ich meine erste Stunde um 9:20, daher ging ich davor noch in die Unidad, war bei den ersten Consultas dabei und half mit einigen Blutzuckerkontrollen, bevor ich mich dann samt Zahnputzutensilien in die Schule begab. Es war bereits alles vorbereitet, und die Kinder der zweiten, vierten und sechsten Klasse trudelten auch nach und nach ein. Zunächst verteilte ich die Zahnbürsten und Zahnpasta, die von der UFH besorgt worden waren, da beim letzten Mal aufgefallen war, dass eventuell nicht alle Kinder ihre eigenen Zahnputzsachen besitzen. Dann begannen wir mit einer Wiederholung zum Aufbau der Zähne, sowie der Entstehung von Karies, und der Rolle der Bakterien. Auch die möglichen Symptome von Karies, die auch in den normalen Kontrolluntersuchungen einiger Kinder bereits aufgefallen waren, sprachen wir kurz an. Dann sprachen wir über die Möglichkeiten, wie man Karies verhindern kann, mit einem kleinen Quiz zu Lebensmitteln und Getränken, bei dem die Kinder alle sehr motiviert mitmachten, sowie dem Aufruf, doch bitte etwas mehr Gemüse und Obst zu essen (der allerdings selbst von den erwachsenen Patienten in der Unidad leider häufig nicht ganz so ernst genommen wird). Schließlich kamen wir zum Abschluss, der Demonstration der richtigen Zahnputztechnik, wofür ich ein Zahnmodell mitgebracht hatte. Nachdem ich die Schritte vorgemacht hatte, während die Kinder ihre neuen Zahnbürsten benutzen konnten, um es selbst nachzumachen, verteilte ich auch noch die Zahnseide an alle Kinder – viele von ihnen wussten zwar, was Zahnseide ist; die Frage, ob sie sie denn auch benutzen würden, wurde aber sehr lautstark mit Nein beantwortet. Es machte ihnen sehr viel Spaß, die Zahnseide direkt auszuprobieren, und ich ging zum Abschluss noch mit dem Zahnputzmodell durch die Reihen, und ließ einige Kinder die erlernte Technik nochmal vormachen, bis es dann auch bei allen wirklich gut aussah. Die zweite Stunde, diesmal mit Kindergarten, erster und fünfter Klasse, lief eigentlich genauso ab, auch hier machten die Kinder wieder super mit, und freuten sich sehr über die mitgebrachten Zahnputzsachen.

Zuerst wird noch einmal der Aufbau der Zähne wiederholt..
..und dann fleißig am Modell geübt 🙂

Am Mittwoch war ich wieder in der Unidad; unser erster Patient war der 13-jährige Junge, der bei Verdacht auf Diabetes (Typ 2) für weitere Tests nach Cara Sucia geschickt worden war. Die Tests bestätigten leider den Verdacht. Die Doctora versuchte den Eltern die nächsten Schritte zu erklären, und vor allem die Wichtigkeit der Änderung des Lebensstils zu vermitteln. Die Eltern schienen dies nicht ganz so zu realisieren, ich denke, vielleicht wäre es auch gut gewesen, ihnen mehr Material, Links zu Websiten, Flyer o.ä. mitgeben zu können, da Diabetes von vielen Patienten hier als „nicht ganz so schlimm“, und definitiv nicht als Systemerkrankung, begriffen wird. Ich hatte auch überlegt, ob man vielleicht eine Unterrichtseinheit zu Diabetes in der Schule machen könnte, und sprach die Directora darauf an, die hierfür auch sehr offen war. Der restliche Tag verlief sehr ruhig, die meisten Patienten kamen für "Curaciones", also z.B. für Verbandswechsel. Abends gab es - passend zum Thema Ernährung - für mich eine weitere salvadorianische Spezialität zu probieren, Enchiladas - frittierte Tortilla, mit Frijoles, Avocado, Gemüse und Pommes beladen (traditionell gäbe es auch noch Eier und Käse dazu). Definitiv eins der leckersten Gerichte, die ich hier bisher probiert habe!

Sonia's selbstgemachte Enchiladas - köstlich!

Am Donnerstag war, neben einigen Vorsorgeuntersuchungen bei Schwangeren, der interessanteste Fall wohl ein junger Erwachsener, der vor einem Monat einen Motorradunfall hatte, und zum Verbandswechsel kam. Die diversen Wunden, Nähte und der immer noch nicht versorgte letzte Knochenbruch waren sehr unschön anzusehen, auch da die Heilung außerordentlich schlecht voranging. Wie viele Jugendliche hier hatte er von Freunden gelernt, Motorrad zu fahren, und besitzt keinen Führerschein. In Anbetracht der Schwere des Unfalls und des Faktes, dass er, wie durchaus üblich, keinen Helm trug, hatte er sogar noch sehr viel Glück gehabt. Am Nachmittag bot mir Sonias Sohn passenderweise an, mir mit seinem eben gekauften Motorrad Fahrstunden zu geben, was ich dann aber mit diesen Bildern im Kopf doch lieber ablehnte.

Am Freitag kamen nicht viele Patienten in die Unidad, auch wegen der schweren Regenfälle der letzten Tage, wegen derer sich El Salvador aktuell in der Alarmstufe Orange befand. Daher ging ich stattdessen in das Centro de Nutrición, um hier beim Steichen der Innenräume zu helfen. Da ich nun die größte Person dort war, wurden mir alle höher gelegenen Bereiche der Wände zugeteilt. Wir sind auch sehr gut vorangekommen, sodass nun nur noch ein kleiner Bereich am Montag gestrichen werden muss. Nachmittags schlossen wir die Unidad früher, um zu einer Trauerfeier in Barra de Santiago zu gehen, da leider am Abend zuvor die Großmutter einer der Mitarbeiterinnen der Unidad verstorben war.

Das Centro de Nutrición, das sich direkt hinter der Unidad befindet
das Centro bekommt einen neuen Innenanstrich

Der Ausflug, den ich für das Wochenende geplant hatte, fiel leider aus - stattdessen verbrachte ich das Wochenende am Strand, und holte ein bisschen Arbeit nach, was auch sehr gut war.

Ausflug zum Strand des Nachbarortes, Barra de Santiago